VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEIN

In Thomas Hunzikers «Vintageuniverse» im aargauischen Oftringen stammen nicht nur die Kreidler Floretts aus den 1970er-Jahren. Auf einen Schwatz mit einem, der in seiner eigenen Welt tüftelt, schraubt und poliert […]

In Thomas Hunzikers «Vintageuniverse» im aargauischen Oftringen stammen nicht nur die Kreidler Floretts aus den 1970er-Jahren. Auf einen Schwatz mit einem, der in seiner eigenen Welt tüftelt, schraubt und poliert – und dabei der glücklichste Mensch der Welt ist.

Text | Fotos Lucas Huber

Willkommen in meinem Universum», sagt Thomas Hunziker (46) und führt hinein in sein Reich, das Werkstatt, Laden und Zeitkapsel zugleich ist. «Kürzlich war ein neuer Pöstler auf Tour», sagt Thomas und grinst: «Als er mir das Paket übergab, meinte er staunend, er müsse wohl gerade durch ein Wurmloch gekrochen sein.» Tatsächlich ist es so, dass geradewegs eine Reise in die Vergangenheit antritt, wer Thomas «Vintageuniverse» betritt, wie sein Einmannbetrieb offiziell heisst. Zwar ist er der Spezialist schlechthin, wenn es in der Schweiz um Motorräder des deutschen Herstellers Kreidler geht. Doch Thomas, dieser ebenso zugängliche wie herzliche Typ, ist eben genauso Spezialist für 8-Spur-Kassetten, die sogenannten 8-Tracks, sowie deren Abspielgeräte. Und überhaupt Hi-Fi-Geräte. Und Lampen. Und Uhren. Und, und, und.

VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEIN

Wer Thomas besucht, der findet sich unversehens in den 1970er-Jahren wieder, jenem Jahrzehnt, in dem der Aargauer auch geboren wurde und in dem er irgendwie noch immer lebt. Das sagt nicht irgendwer, sondern er selbst: «Ich bin in den Siebzigern stecken geblieben, eindeutig», erzählt er lachend. Warum das so ist, hat viele Gründe. Die Ästhetik der damaligen Zeit ist einer, die Designsprache ein weiterer, schliesslich die Qualität der Produkte. «Was damals qualitatives Mittelmass war, wäre heute High End und unbezahlbar», erzählt er schulterzuckend. Die 1970er-Jahre als bessere Version von heute?

FÜR KEIN GELD DER WELT

VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEINFür Thomas eindeutig. Beispiel Kreidler: Es gab einst viele gute Motorradhersteller; für ihn gäbe es aber nichts in seiner Schlichtheit Schöneres, nichts Perfekteres und nichts qualitativ Hochwertigeres als die legendären Kreidler-Motorräder, die Florys und Floretts RS und TM. Von allen dreien verwahrt Hunziker übrigens je ein Modell. Unveräusserlich sind sie, für kein Geld der Welt gäbe er sie jemals her, genauso wenig wie seine Flory mit Namen «Silver Star». Die signalgelbe 1977er RS, die gerade auf dem Lift steht. Und die schwarz-goldene, die er RT nennt, weil er sie aus Komponenten einer RS und einer TM gebaut hat. Mit ihr holte er sich übrigens den Hauptpreis an der ersten Austragung der Kreidler Convention 2010 in Kornwestheim.

Thomas repariert, weil er es kann und es liebt, Schönheit zu erhalten. Er repariert aber auch um des Reparierens willen, einfach, weil es das Sinnvollste ist. «Eine 50-jährige Florett fitzumachen, ist nachhaltiger als alles, was man heute kaufen kann; es ist immer nachhaltiger, zu erhalten, was ist.» Überhaupt entsorgt er nichts.

VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEIN«Ich verbrachte mein halbes Leben in Brockenstuben; alles, was du hier um uns herum siehst, ist Secondhand, und alles davon hat Qualität. Das ist die Basis meiner Lebensqualität, es stärkt mich. An einer Kreidler zu schrauben gibt mir Kraft, denn jeder Töff wurde mit Leidenschaft gebaut. Diese Energie steckt bis heute darin. Darum geht es Besitzern von Oldtimern so gut; es steckt Herzblut in ihnen, sie haben Seele. Wenn ich mich so reden höre, komme ich mir vor wie ein Ausserirdischer.» Thomas lacht: «Ich war schon immer anders. Wahrscheinlich habe ich auch darum schon einige Anfragen von der Presse erhalten, sogar das Fernsehen wollte eine Reportage machen; ich habe allen abgesagt.» Umso geehrter fühlen wir uns, dass er SPIRIT seine Türen öffnet und ein bisschen aus seinem Leben erzählt:

«Das ist mein Leben!»

Wie fing das alles an?
Thomas: Ich bin jetzt seit genau zehn Jahren selbstständig, und ich habe das Gefühl, dass es an der Zeit ist, wenigstens ein bisschen aus dem Verborgenen herauszutreten, etwas mehr in die Öffentlichkeit zu treten. Bei eurer Anfrage spürte ich die Leidenschaft und wusste, das passt.

Warum haben es dir gerade die Töffs von Kreidler angetan?
Thomas: Ich stand als Fünf- oder Sechsjähriger vor einer Florett RS, mein Kopf war exakt auf Höhe der Sitzbank. Da wusste ich: So eine will ich eines Tages. Als ich dann in meiner Werkstatt die erste Florett auf dem Lift hochfuhr und die Sitzbank plötzlich auf Kopfhöhe war, realisierte ich, mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

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Gänsehaut?
Thomas: Absolut. Ausserdem sind sie einfach wunderschön. In meinen Augen gibt es kein schöneres und auch hochwertigeres Motorrad als eine Florett. Eine Kreidler ist ein Mercedes auf zwei Rädern. Und das empfinde nicht nur ich so.

Wie meinst du das?
VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEINThomas: Viele ältere Töfffahrer haben neben ihren Motorrädern eine Kreidler in der Garage stehen; sie war ihr erstes Motorrad, und wenn ihnen im Alter die Schweren zu schnell werden, kehren sie zu ihren Kreidlern zurück. Aber statt Mechaniker hätte ich ja eigentlich Musiker werden sollen.

Warum Musiker?
Thomas: Ich habe die Schule nur überstanden, weil ich so gut in Musik war. Musik ist fliegend, das Schrauben erdend; ich habe beide Dinge immer abwechselnd verfolgt. Zu Hause habe ich einen komplett eingerichteten Musikraum, nur das Schlagzeug fehlt. Weisst du, was 8-Tracks sind?

Zu meiner Schande: Nein.
Thomas: Acht-Spur-Kassetten, wie sie Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren der Standard waren in fast allen amerikanischen Autos. Es gab sie übrigens auch in europäischen Autos, bevor die MC-Kassetten kamen. Ich habe die ganze Acht-Spur-Welt in meinem Laden, restauriere Originale, stelle aber auch eigene Kassetten her – «Made by Vintageuniverse». Für mich sind sie das genialste Speichermedium für Musik und sie haben einen hervorragenden Klang. Ich habe sicher über 1000 Vinyl-Schallplatten, höre aber fast ausschliesslich Acht-Spur-Kassetten – in der Werkstatt, im Auto oder zu Hause.

Und die schweren Maschinen haben dich nie interessiert?
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Thomas: Eigentlich nicht, nein. Die Designproportionen stimmen für mich nicht. Und tippst du mit einer grösseren Maschine das Gas auch nur ein bisschen an, stehst du doch schon mit einem Bein im Gefängnis. Ich gebe aber gerne Vollgas, denn ich habe ein Rennfahrerherz. Darum sind die «Füfzgerli» einfach perfekt für mich – da kann man richtig Gas geben und ist nicht zu schnell unterwegs. Denn mir geht es nicht um hohe Geschwindigkeit, sondern darum, den Motor am Limit zu spüren, als ‹Füfzgerli-Pilot› hat man einfach mächtig Spass.

Thomas ist gelernter Maschinenmechaniker, Fachrichtung Elektro. Ins Restaurieren der legendären Kreidler-Modelle hat er sich selber hineingefuchst. Und wer wie er Perfektionist ist, der lässt nicht locker, bis er alles weiss, alles kennt und alles irgendwie hinkriegt. «Heute kommen sogar gelernte Töff-Mechaniker zu mir, um Motoren revidieren zu lassen.» Um die 20 Floretts stehen vor seinem Laden. Thomas versucht bei jeder einzelnen, die Patina zu erhalten. «Die verwendeten Lacke sind so dermassen gut und schön gealtert, dass es eine Sünde wäre, neu zu lackieren.» Darum freue er sich besonders darüber, dass die meisten seiner Kunden sagen, er solle nach seinem Gutdünken Hand anlegen.

Selbstständig hat er sich vor zehn Jahren gemacht, und seit er sein eigener Chef ist, sei er gesünder als je zuvor. Er ist überzeugt: Wer seine Tage mit dem verbringt, was er gerne tue, dem gehe es automatisch gut. Darum arbeitet er manchmal von morgens früh bis abends spät. Viel Sonnenlicht bekommt er an solchen Tagen nicht ab, und Menschen trifft er bisweilen genauso wenig. Doch dann ist er glücklich, schraubend, bürstend, schleifend, polierend und den Dingen das letzte Quäntchen Anmut entlockend.

SCHÖNER ALS DAS ORIGINAL AB WERK

VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEINDabei sei es gut möglich, dass er über Stunden an einem Vergaser herumpoliere und dabei die Zeit komplett vergesse. Oder dass er das Budget seines Auftraggebers eigentlich längst ausgereizt habe, die Verschalung von dessen Florett aber einfach noch ein bisschen Liebe brauche – und diese dann eben auch bekomme. «Ich kann dann einfach nicht anders.» Hätte er einen Treuhänder, er hätte ihn wohl längst gerügt. Andererseits: Wer dermassen schwärmt von Arbeitsalltag und Job und dabei dermassen glücklich, ja selig ist: Macht der auch nur das Geringste falsch?

VOM GLÜCK, EIN “FÜFZGERLI PILOT“ ZU SEIN«Ich gebe meine Leidenschaft in meine Arbeit, meine ganze Liebe – und das kommt von meinen Kunden zurück. Schau da drüben an der Wand, den Brief habe ich von einem Doktor aus Frankfurt erhalten, mit Feder geschrieben und adressiert ‹an den stolzen (völlig zu Recht!) Besitzer der allerschönsten Kreidler›. Geil, oder? Viele Kunden sagen, meine Restaurationen seien schöner als das Original ab Werk. Das ist berührend, und ich bin einfach nur dankbar, dass ich das machen darf. Das ist mein Leben!»

Gerade habe er einem Kunden die Zündung an dessen Florett eingestellt. Eigentlich nichts Besonderes, er hat schon Dutzende Florett-Zündungen eingestellt. Routine. Doch ich bin an jenem Morgen aufgestanden mit einer Vorfreude darauf, diese Zündung einzustellen, als sei es meine erste überhaupt. Und diese Freude habe ich bei all meinen Restaurierungen. Sollte sich das jemals ändern, suche ich mir etwas anderes.»