DER ENGLISCHE PATIENT: AUSTIN-HEALEY 100- Six

«Die Männer haben ihn schlecht behandelt!» So das Urteil von Rose-Marie Kramer, die tief in der Historie ihres Healey geforscht hat, ihn seit zehn Jahren liebevoll pflegt und allmählich wieder […]

«Die Männer haben ihn schlecht behandelt!» So das Urteil von Rose-Marie Kramer, die tief in der Historie ihres Healey geforscht hat, ihn seit zehn Jahren liebevoll pflegt und allmählich wieder in Bestform bringt.

Text Ulrich Safferling | Fotos Christian Egelmair

Als ihr ein Austin-Healey auf der Strasse entgegenkommt, winkt Rose-Marie Kramer begeistert am Steuer ihres 100- Six. «Ich freue mich immer so, wenn ich einen anderen Healey-Fan unterwegs treffe, besonders wenn es noch Kollegen aus dem Club sind.» Trotz frischer Witterung fährt Rose-Marie für SPIRIT- Fotografen Manuel natürlich offen. Das Verdeck bleibt unten, so wie meistens. «Es ist schön, so unterwegs zu sein, man erlebt das Fahren viel intensiver.» Keine Frage, diese Frau liebt ihr Auto vom Kühler bis zum Auspuff. Es ist ihr erster Oldtimer. Und ihr erster, mit dem sie seit zehn Jahren durch dick und dünn geht, und das bedeutet in diesem Fall Glück und Elend, die ein mehr als 60 Jahre altes Auto so mit sich bringt.

Der ikonische Sportwagen war beim Kauf bei Weitem nicht in dem guten Zustand, in dem er sich heute präsentiert. Er war eher so etwas wie ein englischer Patient, um an den Oscar-prämierten gleichnamigen Film von 1996 zu erinnern. Und Rose-Marie pflegt, jener Film-Krankenschwester gleich, ihren Helden. «Die diversen Vorbesitzer waren alle männlich und da wurde vermutlich einfach gefahren. Das Auto musste funktionieren. Fertig!» An dem schönen Auto habe es viel «Gebastel» gegeben, und das habe dieses Auto nicht verdient. Optisch habe er zwar gut ausgesehen, sein Innen- leben sei jedoch ziemlich vernachlässigt worden. Deshalb inves- tiert sie seit 2016 Zeit, Mühe und Geld in den Healey, der mehr ein Freund als nur ein Traumwagen ist.

DIREKTIMPORT VON EMIL FREY

Dessen Geschichte beginnt mit dem Roadster-Boom in den 1950er- Jahren. Als US-Soldaten die kleinen Sportwagen für sich entde- cken und in die Heimat mitnehmen. Und damit der englischen Auto-Industrie einen fantastischen Absatzmarkt eröffnen. Jaguar, MG, Lotus, Morgan, Triumph verkaufen weit mehr als die Hälfte ihrer Produktion in die Staaten. Und so schlägt auch für den renn- begeisterten Donald Mitchell Healey die Hersteller-Stunde: Der Sieger der Rallye Monte Carlo 1931 stellt 1952 auf der Londoner Earls Court Exhibition seinen Healey 100 vor – 100, weil das Auto 100 Meilen schnell war, also knapp 160 km/h erreichte.

Der Prototyp begeisterte die British Motor Company (BMC). Zum geplanten Preis von 750 Pfund, umgerechnet damals etwa 9000 Franken, gab es keinen günstigeren Sportwagen in dieser Klasse. BMC erwarb die Lizenz und unterstellte die Produktion der Kon- zernmarke Austin. So entstand der Austin-Healey 100, der bis 1959 zum Modellwechsel auf den 3000er gebaut wurde. Als «Big Healey» wurde er in der Szene berühmt, denn 1958 entstand noch der kleinere Austin-Healey Sprite, dessen erste Serie als «Frosch- auge» bekannt wurde. Zum Start wurde der A90-Motor von Austin verbaut, der 90 PS aus 2,6 Litern Hubraum holte.

Die Geschichte von Rose-Maries Healey «72651» beginnt am 13. November 1958 mit der Montage in Abingdon. Es ist das letzte Modelljahr des 100-6. Auf einen Stahlrahmen wird eine leichte Alu-Karosserie gesetzt, die von Jensen gebaut und lackiert ange- liefert wird. Kotflügel und Türen aus Stahl werden eingesetzt und als Antrieb dient der 1956 eingeführte BMC-Reihensechser mit 2,7 Litern Hubraum und 117 PS. Am 17. November ist die Monta- ge des 100-Six in der Farbkombination blue/blue abgeschlossen, am 21. wird ausgeliefert – ein Direktimport der Emil Frey AG in Zürich. Extra erwähnt sind eine Heizung, Strassenreifen, Hard- top, Kilometer- statt Meilenanzeige, Overdrive, europäische Scheinwerfer und Speichenräder. Am 6. Januar 1959 wird der Healey eingelöst. So weit, so gut, doch dann verliert sich die Spur in der Schweiz.

HISTORISCHE RECHERCHE

Rose-Marie pflegt ihren englischen Freund nicht nur mit Hingabe, sie hat auch seine historische Spur aufgenommen. Und setzt allen Ehrgeiz daran, seine Geschichte lückenlos aufzuklären. Doch die Halter-Historie in Bern beginnt erst 1984, ihr fehlen 25 Jahre. Auch das Archiv von Emil Frey in Safenwil beginnt erst lückenlos mit dem Healey 3000. Die Spurensuche führt zu Johannes Zbinden in Utzensdorf, der Anfang der 1970er-Jahre den 100-6 offenbar in einem schlechten Zustand übernimmt und zu restaurieren beginnt. Vor allem der Sechszylinder-Sound hat es ihm angetan, wie er in seiner Verkaufsanzeige schreibt: Nachdem die ungeliebte Schwiegermutter ihm den Stellplatz in einem Schopf streitig machte, musste er das unvollendete Projekt loswerden. Ein Fan aus Seedorf soll ihn gekauft und «umgekippt» haben. Vielleicht war das der Grund, warum der Sportwagen neu lackiert wurde? 1974 landet er bei der City Garage, heute British Inter Cars, in Täuffelen – in der Wagenfarbe gelb-schwarz statt blau-weiss. Der heutige Garagist Stefan Mäder hat leider keine Unterlagen von damals übernehmen können, und so verliert sich die Spur bis 1984.

Dann übernahm Bruno Kühnis in Oberhasli den Austin, restau- rierte ihn und liess ihn blau/gold umlackieren, weil ihm das gelb- schwarz nicht gefiel. Noch im selben Jahr kam der Roadster dann zu Oldtimer-Fan Arnold Senn und damit in gute Hände. Noldi kümmert sich 15 Jahre lang um das schöne Auto und erhielt des- sen Substanz, bevor er es an Steve Gill am Greifensee verkauft. Steve hat den Healey mit der noch immer aktuellen Farbkombi- nation blau/elfenbein geadelt und 17 Jahre seine Freude an ihm gehabt. Bis 2016. Bis Rose-Marie das Inserat sieht.

Immer wieder sieht und feststellt, dass das Auto nicht verkauft wird. Sie fragt nach, und Steve Gill teilt ihr mit, dass man so ein Auto nicht an irgendjemanden verkaufen würde. Da müsse schon die Chemie stimmen, deshalb habe man es auch keinem Händler verkauft. Man lernt sich kennen, findet sich sympathisch und am Ende kann Rose-Marie 2016 den 100-6 kaufen. Dafür plündert sie ihre Pensionskasse, denn «es war Liebe auf den ersten Blick». Wie es bei spontanen Liebesbeziehungen so ist, werden sie manchmal recht schnell auf eine harte Probe gestellt. In diesem Fall streikte auf der ersten Fahrt bereits die Kupplung, und als das Auto in der Werkstatt stand, kamen noch die eine oder andere Blessur sowie ein hässlicher Ölverlust zum Vorschein. «Es wurde dann eine sehr grosse, fünfstellige Reparatur, die mich fast ruiniert hätte», gesteht Rose-Marie. Volle sechs Monate stand der Healey und wurde repariert. Nicht restauriert.

Jede Woche ging sie in die Garage und liess sich vom Mechaniker alles erklären und die «Eingeweide» zeigen. Und musste ihm manchmal gut zureden, wenn der nicht weitermachen wollte. «Einmal hatte er die Nase so voll vom Gebastel der Vorgänger, da hat er erst nach der Übergabe einer Kiste guten Weines wieder weitergemacht», lacht Rose-Marie. Dazu kamen im Laufe der Zeit noch ein neues Verdeck, neue Teppiche, neue und echte Weiss- wandreifen – die Liste wurde mit jedem Jahr länger.

Knackpunkt des Patienten-Projekts war aber ein falsches Getriebe. «Irgendein Vorbesitzer hatte da mal ein Jaguar-XK-Getriebe eingebaut», sagt die Besitzerin kopfschüttelnd. «Es ist mir unverständlich, dass Fachmänner eine solche Bastelei an solch einem Auto gemacht und zugelassen haben. Nun denn – es kam ja eine verrückte Frau, welcher das Auto gefallen hat.» Restaurations-Experte Edy Schorno aus Küssnacht am Rigi fand für sie in England ein originales Healey-Getriebe, das in einem Top- Zustand war. Mit dem fährt die Healey-Liebhaberin jetzt stolz herum. «Seither hat mich mein Healey nie mehr im Stich gelassen!» sagt sie stolz.

Dabei scheut sie keine weiten Strecken, fährt zu Concours und lässt es beim Klausenrennen-Memorial sportlich angehen. In einer speziellen Gruppe ist sie sogar die Mille Miglia 2024 mitgefahren. Alle fünf Etappen! «Es war ein unbeschreibliches Gefühl, mit meinem kleinen Healey in Rom einzufahren», sagt sie rückblickend. «Es gibt nichts Schöneres für mich, als mit ihm unterwegs zu sein, und bereitet so viel Freude – auch anderen Menschen, die mich und meinen Healey treffen. Denn er sieht dazu noch so edel aus», begeistert sie sich. «Das ist wirklich mein Auto und es ist, wie mit einem guten Freund unterwegs zu sein!» Das mit noch mehr Freude, seit sie alles an ihrem Roadster geputzt hat. «Das ist fast wie Meditation für mich. So war der Motorraum schwarz vor Dreck», erinnert sie sich. Einen ganzen Tag habe es gedauert, bis die blaue Farbe im Motorraum wieder hervorkam und alles einigermassen wieder sauber gewesen sei. Die Finger hätten ihr danach eine ganze Woche wehgetan … aber so sieht eben wahre Liebe aus.